Rückenschmerzen verstehen: Welche Rolle Angst, Schonung und Fehlentscheidungen spielen - Die Sonderseite mit Dr. Wanke-Jellinek
Der Rücken meldet sich: Ein Ziehen, ein Stechen, manchmal nur ein diffuses „Irgendwas stimmt nicht“. Also erst mal vorsichtig sein. Hinlegen. Abwarten. Googeln. Und genau hier beginnt das Problem. Denn Rückenschmerzen haben oft weniger mit einem „kaputten Rücken“ zu tun als mit Angst, übertriebener Schonung und Entscheidungen, die gut gemeint sind, aber nach hinten losgehen. Wer sich zu lange schont, macht es dem Schmerz leicht, zu bleiben.
Dr. Lorenz Wanke-Jellinek, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, ist seit über 10 Jahren Spezialist für Wirbelsäulenerkrankungen und Skoliose und Experte für konservative und operative Therapie bei Rückenbeschwerden. Er weiß: Nicht jeder Schmerz braucht eine OP. Aber fast jeder braucht Klarheit und die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit.
Warum Ruhe nicht immer hilft, wann Abwarten riskant wird und weshalb Rückenschmerz nicht gleich Rückenschmerz ist, darüber spricht er im Interview.
Wann beginnt Rückenschmerz problematisch zu werden?
Dr. Wanke-Jellinek: Wenn Betroffene anfangen, ihr Verhalten komplett am Schmerz auszurichten. Wer sich nur noch schont, verliert Stabilität. Und wer zu lange wartet, verpasst leider sehr oft den richtigen Zeitpunkt für eine einfache Behandlung.
Viele Menschen haben Angst, sich mit Schmerzen zu bewegen. Ist diese Angst berechtigt?
Dr. Wanke-Jellinek: In den meisten Fällen nicht. Bewegung wird häufig als Gefahr wahrgenommen, ist aber oft Teil der Lösung. Natürlich muss man unterscheiden, was sinnvoll ist und was nicht. Genau dafür ist eine ärztliche Einordnung wichtig.
Welche Fehlentscheidungen sehen Sie besonders häufig?
Dr. Wanke-Jellinek: Fehlerhafte Selbstdiagnosen, zu langes Abwarten und der Versuch, Schmerzen dauerhaft mit Medikamenten zu überdecken. Bleiben Beschwerden über Wochen bestehen, verändert sich das Bewegungsverhalten. Muskeln bauen ab, Fehlhaltungen entstehen und Rückenschmerzen werden chronisch.
Woher weiß ich, ob mein Rückenschmerz harmlos ist oder abgeklärt werden sollte?
Dr. Wanke-Jellinek: Rückenschmerz ist nicht gleich Rückenschmerz. Manche Beschwerden sind muskulär bedingt und vorübergehend. Andere entstehen durch Schäden der Bandscheiben, Facettengelenke, Nerven oder Wirbelkörper. Eine ärztliche Abklärung bedeutet aber nicht, dass sofort etwas „Schlimmes“ gefunden oder behandelt werden muss. Sie dient vor allem dazu, Entwarnung zu geben oder frühzeitig Klarheit zu schaffen. Ohne Diagnose bleibt oft Unsicherheit und genau die verstärkt Beschwerden.
Welche Symptome sollte man ernst nehmen und nicht einfach aussitzen?
Dr. Wanke-Jellinek: Wenn Schmerzen länger als zwei bis drei Wochen anhalten, stärker werden oder in Arme oder Beine ausstrahlen, sollte man sie abklären lassen. Auch eine akute Schwäche der Extremitäten sollten zeitnahe abgeklärt werden. Bleibt eine Nervenreizung oder Nervenkompression unbehandelt, können sich Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Kraftverlust verstärken. In manchen Fällen drohen bleibende Nervenschäden. Auch deutliche Einschränkungen im Alltag sind ein klares Warnsignal. Abwarten kann dann mehr schaden als helfen.
Sie haben auch wissenschaftlich im Bereich gearbeitet. Was ist heute der größte Irrtum bei Rückenschmerzen?
Dr. Wanke-Jellinek: Dass jeder Befund automatisch die Ursache der Schmerzen ist. Viele Menschen haben Veränderungen an der Wirbelsäule, ohne Beschwerden zu haben. Entscheidend ist nicht das Bild allein, sondern ob die Befunde zu den Symptomen passen. Deshalb braucht es Erfahrung und eine sorgfältige Einordnung.
Bedeutet ein auffälliger Befund also nicht automatisch, dass operiert werden muss?
Dr. Wanke-Jellinek: In den meisten Fällen nicht. Viele Veränderungen an der Wirbelsäule lassen sich konservativ sehr gut behandeln. Eine Operation kommt nur dann infrage, wenn sie medizinisch sinnvoll ist und dem Patienten wirklich hilft. Sie ist immer der letzte Schritt, nicht der erste.
Was raten Sie Menschen, die unsicher sind, ob sie überhaupt zum Arzt gehen sollen?
Dr. Wanke-Jellinek: Sich frühzeitig Klarheit zu holen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung für den eigenen Körper. Eine Abklärung bedeutet nicht automatisch Therapie oder Operation. Oft reicht schon eine fundierte Einschätzung, um Angst zu nehmen und den richtigen Weg einzuschlagen.
Was erwartet mich bei einem ersten Termin bei Ihnen? Muss ich keine Angst haben?
Dr. Wanke-Jellinek: Ein erster Termin bedeutet vor allem eines: Orientierung. Wir sprechen darüber, was Sie spüren, was Sie beunruhigt und was bisher passiert ist. Ich erkläre Ihnen, wie ich Ihre Beschwerden einordne und welche Möglichkeiten es gibt. Nichts davon verpflichtet Sie zu einer Behandlung. Sie gehen mit mehr Klarheit nach Hause und entscheiden selbst, ob und wie es weitergeht.
Kontakt:
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Orthopädische Praxis Gräfelfing
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