Wenn der Beckenboden nachgibt: Was Frauen über Senkungsbeschwerden wissen sollten - Die Sonderseite mit Dr. Rothfuß
Das Gefühl kennen viele Frauen: ein Druckgefühl und Ziehen im Unterbauch. Manchmal so, als wäre da etwas, das nach unten will. Viele schieben es beiseite. Denken, das sei eben das Alter, die Geburten, der Alltag. Und reden tut man darüber sowieso nicht.
Dabei handelt es sich in vielen Fällen um eine Beckenbodensenkung – und die ist weder selten noch unvermeidlich einfach hinzunehmen. Wir haben mit Dr. Ulrike Rothfuß gesprochen, Leitende Ärztin für Beckenbodenchirurgie im MIC-Zentrum an der WolfartKlinik und eine der erfahrensten Spezialistinnen auf diesem Gebiet.
Was genau passiert bei einer Beckenbodensenkung?
Dr. Rothfuß: Der Beckenboden ist ein komplexes System aus Muskeln, Bändern und Bindegewebe. Eine Art Hängematte, die Blase, Gebärmutter und Darm trägt. Wenn dieses System nachgibt, können diese Organe beginnen, nach unten oder in Richtung Vagina zu rutschen. Das klingt drastisch, es ist aber oft ein schleichender Prozess, der sich über viele Jahre entwickelt.
Welche Frauen sind besonders betroffen?
Dr. Rothfuß: Grundsätzlich kann es jede Frau treffen, aber das Risiko steigt mit der Zahl der Geburten, dem Gewicht der Kinder bei der Geburt, dem Alter und den hormonellen Veränderungen in der Menopause. Auch Übergewicht, chronischer Husten oder Verstopfung belasten den Beckenboden dauerhaft. Rund 40 Prozent der Frauen über 50 haben eine behandlungswürdige Senkung. Die meisten wissen es nicht oder denken, das gehöre einfach zum Älterwerden dazu.
Wie äußern sich die Beschwerden im Alltag?
Dr. Rothfuß: Das ist sehr unterschiedlich. Manche Frauen spüren ein Fremdkörpergefühl in der Vagina, als würde etwas herausdrücken. Andere haben Rückenschmerzen, die sie nie zuordnen konnten, oder merken, dass das Wasserlassen schwieriger geworden ist: unvollständig, manchmal auch unkontrolliert. Auch Beschwerden beim Stuhlgang oder beim Sex können dazugehören. Und dann gibt es Frauen, die mit dem Sport aufgehört haben, ohne genau zu wissen, warum.
Genau das ist das Tückische: Senkungsbeschwerden verändern das Leben schrittweise. Man meidet Sport, plant Ausflüge um Toiletten herum, sagt Verabredungen ab. Viele Frauen passen ihr Leben an, anstatt die Ursache behandeln zu lassen.
Was hilft bei leichten Senkungsbeschwerden?
Dr. Rothfuß: Bei leichten Beschwerden kann gezieltes Beckenbodentraining bei einer erfahrenen Physiotherapeutin sehr viel bewirken. Ergänzend helfen Pessare in Form eines Würfels oder eines Ringes, die in die Vagina eingelegt werden und die Organe stützen, sowie lokale Östrogencremes, die das Gewebe in den Wechseljahren kräftigen. Das sind echte Therapieoptionen, keine Notlösungen. Für viele Frauen ist das vollkommen ausreichend.
Und wenn das nicht reicht?
Dr. Rothfuß: Dann stehen operative Verfahren zur Verfügung. Hier hat sich wirklich sehr viel getan. Grundsätzlich unterscheiden wir zwei Wege: vaginale Eingriffe, die durch die Vagina durchgeführt werden, ohne dass der Bauchraum eröffnet werden muss. Diese eignen sich besonders für ältere Patientinnen und sind in der Regel kürzer und schonender. Für jüngere, noch aktive Frauen bevorzugen wir häufig den laparoskopischen Weg. Also minimalinvasiv mit kleinen Schnitten und einer Kamera. Dabei wird in der Regel ein Netz eingesetzt, das die abgesenkten Organe langfristig in ihrer natürlichen Position hält. Welcher Weg der richtige ist, entscheiden wir immer gemeinsam und individuell, abhängig von Befund, Alter, Aktivität und eventuellen Voroperationen.
Ist die Welt-Kontinenz-Woche ein guter Anlass, um über das Thema zu sprechen?
Dr. Rothfuß: Ja! Die Welt-Kontinenz-Woche vom 15. bis 21. Juni 2026 macht genau darauf aufmerksam: Harninkontinenz, Senkungen, Drangsymptome und Beckenbodenbeschwerden sind medizinische Themen, über die man sprechen darf und sollte.
Passend dazu findet am Dienstag, den 16. Juni, von 19 bis 20 Uhr ein kostenfreier Vortrag zum Thema Senkungsbeschwerden in der WolfartKlinik statt. Dort informiere ich über Ursachen, Beschwerden und Behandlungsmöglichkeiten und beantworte Fragen. Gerne einfach vorbeikommen.
Was möchten Sie Frauen mitgeben, die diesen Artikel lesen?
Dr. Rothfuß: Dass sie nicht warten sollen. Vor allem nicht, bis der Leidensdruck unerträglich ist. Es gibt so viele Therapiemöglichkeiten. Und für mich mit das Wichtigste: Sie müssen sich nicht schämen. Dieses Thema gehört in die Arztpraxis, nicht ins Schweigen.
Kann also jede Frau mit solchen Beschwerden zu Ihnen kommen?
Dr. Rothfuß: Viele Frauen sind unsicher, ob ihre Beschwerden „schon schlimm genug“ sind. Diese Sorge müssen sie nicht haben. Gerade bei Senkungsbeschwerden ist eine frühzeitige Abklärung sinnvoll. Jede Frau, die möchte, kann in meine Sprechstunde kommen. Gemeinsam schauen wir, welche Behandlungsmöglichkeiten passen.
Kontakt:
MIC-Zentrum München
Operative Gynäkologie
Leopoldstraße 236, Pallas-Haus
80807 München
Tel: 089 / 541 960 510
E-Mail: praxis@mic-zentrum-muenchen.de














